Wenn die Presse über Paleo schreibt — kann’s nur schiefgehen

Er kann nix dafür.

Er kann nix dafür.

Liebe Leser, ich bin wieder aus meiner Schreibpause zurück. Bevor ich im nächsten Artikel über das ganz hervorragende MCT-Öl von Primal State berichte, möchte ich heute ganz kurz auf einen Artikel in der Presse eingehen, der sich aktuell mit der Paleo-Ernährung auseinandersetzt. Eigentlich sollte ich „auseinandersetzt“ schreiben, also in Anführungszeichen — denn was hier wieder mal als objektiver Journalismus — sollte ich sagen „Qualitätsjournalismus“? NEIN! — daherkommt, ist (ebenfalls wieder mal) nichts als ein Tendenzstück und Meinungsartikel. Die Rede ist von diesem Artikel in der Zeit. Bemerkenswert, wie es die Autorin des Artikels — ganz offensichtlich jemand, der noch nie diese Ernährungsumstellung versucht hat und dementsprechend nur so schreiben kann wie ein Nichtschwimmer, der das Gefühl beschreibt, durch das Wasser zu gleiten — schafft, so ziemlich alle Vorurteile über Paleo/Primal in einem kurzen, dreiseitigen Artikel zu versammeln. Nur um am Schluß zum Fazit zu kommen: „Die uralte Weisheit, als Revolution gefeiert, lautet also: Iss Gemüse, beweg dich, geh raus, sauf nicht, schlafe viel. Ein Hoch auf die Steinzeit.“ Oh je. Oh je. Oh je. Mir fehlt die Muse, um auf alle Punkte einzugehen. Nur zu einigen möchte ich meinen Kommentar loswerden: Die alte Mär von „Paleo/Primal-Ernährung versucht, das Essen der Steinzeitmenschen nachzumachen“. Falscher geht’s nicht, aber trotzdem reitet der Artikel schön ausführlich auf genau dieser Behauptung rum. Es liegt uns fern, uns so ernähren zu wollen wie unsere Vorfahren. Wie der Artikel (ausnahmsweise richtig) ausführt, haben wohl die wenigsten von uns Lust, Insekten, altes Obst oder auch mal das nicht mehr ganz so frische Stück Fleisch zu verzehren. Uns geht es um natürliches Essen und solches, das der Gesundheit förderlich ist. Getreide und Weizen gehören da definitiv nicht dazu — und es gibt mittlerweile so viele Studien dazu, daß ich auf diesen Punkt nicht näher eingehen möchte. Natürlich bringt die Autorin des Artikels auch das oft gehörte und noch öfter widerlegte Klischee-Argument, daß das Leben unserer Vorfahren viel, viel, vieeeel härter war als das unsrige (daran gibt es keinen Zweifel), aber der Grund, den sie nennt, ist völlig verkehrt:

Das tägliche Leben bedeutete wie bei vielen heutigen Ethnien harte körperliche Arbeit. Ein Tier zu jagen dauerte oft mehrere Tage. Kaum war es aufgegessen, musste man wieder auf die Pirsch. Bei einem solchen knochenharten Alltag führt höchstwahrscheinlich kein Ernährungsstil zu Typ-2-Diabetes. Dass heutige Ethnien genauso wenig daran leiden, ist demnach nicht auf den Konsum spezifischer Nahrungsmittel zurückzuführen, sondern vor allem auf die Bewegung und die eher knappe Energiezufuhr.

Das ist gleich auf zwei Ebenen komplett unrichtig. Unsere Vorfahren (also die, deren klimatische Bedingungen ungefähr vergleichbar mit den unseren sind) verbrachten nach aktuellem Forschungsstand durchschnittlich zwei bis drei Tage in der Woche mit der Jagd — die Zeit dazwischen verbrachten sie, wie die meisten indigenen Völker auch heute noch, mit Nichtstun. Interessanterweise folgt im Artikel dann eine Aufzählung der ernährungsphysiologischen Vorteile der Milch. Worauf nicht eingegangen wird, ist die Tatsache, daß viele Paleo-Praktizierende freiwillig darauf verzichten, weil sie weder Gewicht, noch Fett zulegen wollen — und weil viele Menschen Milch eben nicht vertragen. Außerdem: Viele von uns lehnen Milch ab, weil sie meistens aus Industriehaltung stammt, in der es a) den Tieren schlecht geht, und b) die Kühe mit Industriefutter/Mais gefüttert werden, also einem „Nahrungs“mittel, das absolut nicht in unsere Ernährungsweise paßt. Im Artikel nur die Vorteile aufzuzählen, die Milch für manche Menschen hat, die sie vertragen, ist arg einseitig, entspricht aber natürlich der Grundtendenz des gesamten Artikels. Wie profund das Unwissen der Autorin über Paleo/Primal ist, zeigt folgendes Zitat:

Wie gesund die Steinzeitdiät ist, hängt davon ab, wie man das Konzept interpretiert. Wer Brot, Nudeln und Käse weglässt, dafür mengenweise Schweinshaxen, Salami und Koteletts isst, wird kaum eine wundersame Wandlung des Körpers erfahren.

Das ist, mit Verlaub, komplett falsch. Was macht die Autorin hier? Hat sie tatsächlich recherchiert? Natürlich nicht, sonst könnte sie nicht derartigen Blödsinn verbreiten. Sie hätte sich mal im Kraftsportbereich umhören können, Stichwort: Anabole Diät. Seit mehr als zehn Jahren verwandeln Bodybuilder ihren Körper, indem sie viel Fett, Wurst und Fleisch essen. Als ich Boxen trainierte, verlor ich auf diese Weise knappe zehn Kilo FETT. Fettverlust durch erhöhte Fettzufuhr und Kohlehydratreduktion ist schon lange kein Geheimnis mehr. Aber das Wort „Ketose“ ist der Autorin des Zeit-Artikels vielleicht genauso fremd wie ordentliche Recherche.

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5 Kommentare zu “Wenn die Presse über Paleo schreibt — kann’s nur schiefgehen

  1. Pingback: Ernährungs- und Fitnessblogs am Sonntag, 01.03.2015

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