Buchrezension: Romy Dollé, „Der Paleo-Code“

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Romy Dollé, „Der Paleo-Code„, 2014. Systemed-Verlag. 19,99 Euro. Der Verlag hat mir dieses Buch als Rezensionsexemplar überlassen.

Im Systemed-Verlag ist vor kurzem ein Buch erschienen, das Paleo-Ernährung mit Training verbindet, ein Ansatz, den Sie als Leser meines Blogs ebenfalls kennen. Im Folgenden bespreche ich das 285-seitige Buch im ungewöhnlichen Format (21×15,5cm) näher: Der Paleo-Code.

Die Autorin

Romy Dollés Ernährungs-Biographie klingt bekannt: Energielosigkeit als ständiger Begleiter, ausgeprägter Bauch (die typische „Weizenwampe“), keine sportliche (oder natürliche) Figur, obwohl sie beispielsweise das Frühstück sehr oft ausfallen ließ.

Es folgten verschiedene Trainingsprotokolle, sogar einen Personal Trainer bemühte sie — das Fett ging nicht weg, dafür aber ihre Laune immer mehr in den Keller. Sie ließ sich auf Laktose-Intoleranz testen, und auf Glutose-Sensibilität, und beides fiel schlecht für sie aus. Die Autorin läßt also konsequent Milchprodukte, Früchte und die allermeisten Kohlenhydrate weg — und ihr Körper reagiert mit Gewichts- und Fettabnahme.

Der Ernährungsteil

Dollé verwendet den Ausdruck „pure food“ und meint damit saisonale, regionale und biologisch hergestellte Nahrungsmittel. Die Proteine (30 Prozent Gesamtanteil an der Nahrung) stammen aus Fleisch, Fisch, Meeresfrüchten, Geflügel und Eiern. Die Kohlenhydrate (ebenfalls 30 Prozent Gesamtanteil) stammen aus Gemüse und Früchten, und die Fette (40 Prozent) kommen aus Avocado, Kokosnuß, Olivenöl und tierischen Fetten. Damit bewegt sie sich solide auf Paleo-Terrain.

Auch der Hinweis, daß die körperliche Veränderung desto schneller eintritt, je konsequenter wir uns paleo-gemäß ernähren, taucht auf, und das gefällt mir gut.

Ein 21-Tage Kickstart-Programm für Einsteiger bietet eine gute Umgewöhnungsphase. Auch hier schlägt die Autorin in die typische Paleo-Kerbe und favorisiert Kokosöl und zeitweiliges Fasten.

Es folgen noch Tipps, wie man auch im städtischen Alltag größtenteils Paleo (beziehungsweise Primal) essen kann.

Alles in allem eine solide Einführung.

Der Trainingsteil

Auch hier beginnt das Kapitel ganz von vorne: Wir Menschen sind gebaut, um uns zu bewegen, wann sollten wir trainieren, nicht zu üppig essen vor dem Training, Fettabbau. Zum Training zählt das Buch auch Entspannung, hier natürlich auch „pure relaxation“ genannt.

Zum Thema Entspannung fallen allerdings nur Floskeln und oberflächliche Tips in Form von Listen. Für „Aktive Entspannung“ beispielsweise werden „Radfahren, Yoga, Spazieren, Schwimmen, Tai Chi“ und einige mehr genannt. Das Problem: Nichts davon taucht im Trainingsprogramm auf. Ähnlich ist es bei den Hinweisen für passive Entspannung.

Ein Tip, nämlich der, den Alltag in Rituale einzuteilen, ist zwar richtig, wird aber so oberflächlich angeschnitten, daß ich als Meditationslehrer innerlich zusammenzucke: SO kann es leicht ins Gegenteil umschlagen und aus versuchter Entspannung wird noch mehr Streß. Das ist ein definitiver Minuspunkt in meinen Augen.

Die eigentlichen Trainingspläne umfassen Workouts mit der Kettlebell. Im Einsteigerprogramm begegnen mir dann Übungen, die nichts in einem Kettlebell-Anfängerprogramm verloren haben. Beispielsweise (als Aufwärmübung!) Schulterrotationen mit der Kettlebell. Das ist unnötig, birgt ein großes Verletzungsrisiko und könnte einfacher und effektiver ohne Gewichte gemacht werden. Kniebeugen, Swings und Schulterpressen gehen in Ordnung, aber dann folgen die nächsten beiden Hämmer: seitliche Ausfallschritte mit der Kettlebell und einbeinige Deadlifts. Jeder, der schon mal eine ernsthafte und fundierte Einführung in das Training mit Kugelhanteln bekommen hat, muß hier den Kopf schütteln. So komplexe Übungen haben in einem regelmäßigen Trainingsprogramm nichts verloren und dienen üblicherweise eher als spielerische leichte Einschübe an trainingsfreien Tagen.

Ein echtes Anfängerprogramm für Kettlebells müßte  einfacher aussehen und bürge VIEL weniger Verletzungsrisiko: kurzes Aufwärmen ohne Gewichte (Liegestütz, Kniebeugen, Ausfallschritte, Beweglichkeitsübungen für die Gelenke), Schulterpressen, Squats und dann Swings — und zwar nicht, wie im Buch, 10 bis 20 Wiederholungen, sondern als Tabata-Protokoll.

So kommt mir das Kettlebell-Einsteigerprogram ein bißchen zu kalifornisch und Fitness-Studio-mäßig daher. Das hat nichts mit Paleo-Training zu tun, sondern ist typisches Durchschnitts-Studio-Massentraining mit Paleo-Anstrich. Alle Gewichtstrainingsprotokolle im Paleobereich MÜSSEN einer Maxime folgen: „Bewegt schwere Gewichte“. Wenn sie das nicht tun, bringen sie wenig. Genau das ist leider hier der Fall.

Es folgt ein TRX-Workout (mit den Bändern, die man befestigt und an denen man sich dann hochziehen oder aufstützen kann). Das ist weitaus fundierter als das Kettlebell-Kapitel.

Das Hantel-Workout ist anscheinend für Leser gedacht, die keine Kettelebells oder TRX-Bänder zuhause haben. Aber auch hier krankt es schon am Prinzip: Die Übungen werden mit zwei winzigen Kurzhanteln demonstriert (ich schätze, sie wiegen zwischen 1 und 3 Kilogramm). Und auch hier wird auf typische Wohlfühl-Fitness-Studio-Kost gesetzt (komplexe, überflüssige Bewegungen wie beispielsweise einbeinige Deadlifts, Liegestütz-Rudern, Bankdrücken auf dem Ball), anstatt große Muskelgruppen und mehrere Gelenke auf einmal anzusprechen.

Sinnvoller und wirksamer wäre es gewesen, den Lesern zu sagen, daß sie schwere Kurzhanteln nehmen sollen. Und mit denen dann einfache, mehrgelenkige Übungen zu machen: Squat Thrusts, Schulterpressen, Snatches.

Im Einsteiger-Workout ohne Hilfsmittel kommen auch Übungen zum Einsatz, die ich persönlich, als Selbstschutz-/Kampfsport-Trainer mit 30 Jahren Erfahrung, für bedenklich halte: Ausfallschritte gehen in Ordnung, Planks auch, Beinheben auch. Aber wo bleiben Liegestütz? Wo bleiben Klimmzüge? Ein Körpergewichts-Traininingsprogramm ohne Klimmzüge ist seinen Namen nicht wert. Und ich rede bei den Anfängern jetzt nicht von vollen Klimmzügen, sondern von Einsteigerübungen als Vorbereitung für die Klimmzüge.

Aber nichts davon findet sich im Buch. Das ist ein großes Manko.

Der Rezeptteil

Um es kurz zu fassen: Die vorgestellten Rezepte sind allesamt richtig lecker. Über 20 davon gibt es, das ist jetzt nicht gerade üppig, sollte aber einem Einsteiger in die Paleowelt ausreichen, um auf den Geschmack zu kommen.

Die Aufmachung

Optisch kommt das Hardcover-Buch eindrucksvoll daher. Es ist üppig und ausführlich bebildert, wenngleich mich das Layout etwas an die frühen 2000er erinnert — manchmal gemahnen die Seiten eher an Wimmelbilder als an übersichtlich gesetzte Buchseiten.

Die Gliederung des Buches ist aber das größere Problem. Es ist unübersichtlich. Es springt zwischen den Themenblöcken hin- und her, vom Essen zum Training zur Entspannung zu Ernährungsplänen zu Bewegung und Workouts, und schlußendlich zu Rezepten. Das alles ist gut gemeint, aber extrem verwirrend.

Besser hätte ich es gefunden, wenn ein Themenblock wirklich in einem Kapitel zusammengefaßt worden wäre: Ernährung, Entspannung, Training. Drei große Abschnitte im Buch, und der Leser weiß, wo was zu finden ist.

Apropos finden: „Der Paleo-Code“ hat keinen alphabetischen Index. Das bedeutet, wenn ich ein bestimmtes Stichwort suche, läßt mich das Buch allein.

Mein Fazit

Der Paleo-Code“ ist ein Buch, das Paleo-Ernährung, Paleo-Training und -Lebensweise vorstellen möchte. Der Ernährungsteil ist gut gemacht, während aber die Trainingspläne und Entspannungstips eher Artikeln in Fashion-Magazinen entsprechen und nur bedingt paleo-tauglich sind. Die Aufteilung der Kapitel und Themen ist unübersichtlich, und ein fehlender Index verstärkt diesen Eindruck noch. Als Buch für Paleo-Einsteiger halte ich es mittelmäßig geeignet. In Schulnoten: 3.

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